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Tunesisches Olivenöl - die Welt muss Olivenöl neu entdecken!
Ein Interview mit Syayah Shiraz, stellvertretende Geschäftsleiterin von UTIC (Olives & Oliviers)
von Paula Beger/AHK Tunesien
1) Was hat UTIC für eine Strategie? Welche Partnerschaften bestehen?
Die Strategie unserer Gesellschaft basiert auf Langfristigkeit, Werten und internationalen Partnerschaften. Deutschland und Frankreich sind unsere Hauptpartner, aber auch ganz Europa und sogar die USA.
2) Was sind die Schwierigkeiten, Hindernisse und Herausforderungen ihres Unternehmens und der tunesischen Olivenölproduktion im Allgemeinen?
Unsere Hauptaktivität ist aktuell der Olivenanbau. Die große Schwierigkeit der Olivenkultur in der ganzen mediterranen Region, aber in Tunesien ganz besonders ist, dass die Olivenbauern kaum moderne Mühlen und erst recht noch weniger Abfüllmaschinen haben.
Wir sind die ersten, die ein komplett integriertes Projekt haben und in perfekter Art und Weise die Produktion von Olivenöl, vom Olivenbaum bis hin zur Abfüllung in Flaschen und deren Vertrieb, meistern. Ein großes generelles Problem findet sich auch bei Olivenöl hinsichtlich der Qualität. So ist es ganz einfach zu sagen: extra vierge. Schaut man in einen Supermarkt, egal in welchem Land, findet man etwa 50 Flaschen Olivenöl, die alle schön aufgemacht sind und wo extra vierge drauf steht. Extra vierge sagt leider fast überhaupt nichts mehr aus, auch wenn es ein echtes Zeichen von Qualität ist.
Wir garantieren, dass unsere Oliven mechanisch geerntet werden, ohne in Kontakt mit dem Boden gekommen zu sein, sie weder oxidiert oder beschädigt und nur sehr gering behandelt sind. Sie werden innerhalb von drei Stunden verarbeitet, was wirklich eine hervorragende Leistung ist. Wir bestimmen den perfekten Reifegrad und entscheiden in enger Kooperation mit Ingenieuren und Agronomen, wann der ideal-optimale Zeitpunkt für die Ernte der Oliven ist. Jede Stufe der Herstellung ist also wichtig, um ein Olivenöl extra vierge herzustellen.
3) Sie haben nicht nur Ihre Produktion verdoppelt, sondern auch ihre Sortenvielfalt auf 6 verschiedene Olivensorten erweitert. Was ist Ihnen bei der Auswahl ihrer Produkte wichtig?
Wir bauen verschiedene Oliven an und wir arbeiten ebenso mit benachbarten Landwirten zusammen und so entsteht ein Projekt, das sehr regional verankert ist. Es gibt Sorten wie Chemchali, die nur in unserer Region existieren. Anstatt nur darauf zu warten, dass unsere Olivenbäume wachsen, war es für uns von Interesse, den Landwirten der benachbarten Dörfer Arbeit zu geben und mit ihnen zusammen zu arbeiten. Das ist ebenfalls unsere Strategie. Wir verschreiben uns freiwillig einer regionalen Landwirtschaft und einer nachhaltigen Entwicklung. Es ist ein Projekt, das die gesamte Region aufwerten soll.
4) Sie haben bereits verschiedene Zertifikate wie ISO 22000 und die Zertifizierung für IFS/BRC ist in Arbeit. Sind Sie auch bio-zertifiziert?
Die Bio-Zertifizierung ist in Arbeit und wir haben bereits eine kleine Bio-Produktion. Technisch gesehen ist das etwas, was eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt und so haben wir anfangs nur eine kleine Menge, die wir hoffen stetig vergrößern zu können.
Die Zertifizierungen sind Prozesse, die Zeit brauchen, vor allem bei einem saisonalen Anbau. Wir haben nur 2 Monate, um die Zertifizierung anzugehen. Wir erwarten in Kürze die komplette Zertifizierung mit ISO 14 000 und 10 000, die für Arbeitssicherheit und Umweltaspekte stehen. Dies sind keine gesetzmäßigen Verpflichtungen, sondern die Wahl unseres Unternehmens.
5) Beachten Sie weitere ökologische Aspekte oder Faktoren wie Fairtrade oder Recycling?
Wir haben einen ökonomisch-ökologischen Ansatz. Wir verwenden viel weniger Wasser. Im Extraktions-Prozess des Öls haben wir ein System entwickelt, welches einen erhöhten Ertrag erbringt. Es erscheint vielleicht komisch, wenn ich das sage, aber wir haben eine Methode vorgezogen, die kein Wasser verwendet. Dies nennt man ein zweiphasiges Verfahren im Vergleich zu einem Prozess in drei Phasen. Um Olivenöl zu extrahieren, fügt man normalerweise Wasser hinzu und sobald alles die Zentrifuge passiert hat, werden Wasser und Öl getrennt. Danach wird das Wasser direkt in die Natur geleitet, was sehr umweltschädlich ist.
Da wir kein Wasser in dem Herstellungsprozess benutzen, haben wir nur zwei Produkte, die entstehen – das Öl und der Olivenbrei. Dieser Brei wird von uns wieder eingearbeitet, wir machen eine zweite Extraktion, von welcher wir ein Olivenöl mit geringerer Qualität entnehmen, das dann z.B. für kosmetische Produkte verwendet wird. Wir haben dann nur sehr, sehr wenige Abfallprodukte. Es verbleibt noch das Olivenmark, von dem wir die Kerne entfernen und diese als Kompost verwenden. Der Rest, und es bleibt wirklich noch ein Rest übrig, wird als Futtermittel für Vieh genutzt. Die Unternehmensgruppe UTIC plant ebenfalls, einen Bereich für die Herstellung von Viehfutter aus den Nebenprodukten zu gründen.
Wir haben ebenso ein Projekt, in dem Brennstoffmaterialien produziert werden, die in Nordeuropa, Deutschland und Italien für Heizsysteme verwendet werden.
Weiterhin haben wir ein Experiment etabliert, das kontrolliert wird von dem Institut für Olivenanbau mit internationalen Experten des regionalen Zentrums landwirtschaftlicher Entwicklung und was wir als „Verteilung“ bezeichnen. Sofort nach der Extrahierung des Olivenöls werden die Abfallprodukte „verteilt“, also unter die Erde gebracht. Wir geben der Erde das zurück, was wir ihr entnommen haben. Da wir uns in einer wüstenartigen und ariden Region mit einem sehr sandigen, nährstoffarmen Boden befinden, ist die Anreicherung mit organischen Materialien ein Vorteil. Danach bleiben keine Abfallprodukte übrig. Wenn dieses Projekt gut funktioniert, könnten wir, wie von den Wissenschaftlern unseres Experimentes berechnet, in Zukunft die Abfallprodukte der Nachbarfarmen nutzen. In 3 oder 4 Jahre bräuchten wir dann gar keine zusätzlichen Düngemittel mehr.
Wir sind, denke ich, die ersten Landwirte der Welt, die dieses Verfahren ausprobieren. Am Ende von den drei Jahren werden wir die Resultate der Analysen über den Boden und die Bäume sehen können.
6) Im Mai waren Sie unter den Gewinnern bei der nationalen Preisverleihung des am besten verpackten Olivenöls in der Kategorie «fruchtig». War das eine Überraschung?
Soll ich etwas vorgaukeln? Nein. Uns ist unsere Qualität durchaus bewusst, weil wir auf sehr, sehr strenge Art und Weise alle Bedingungen für die Stabilität unseres Produktes beachten. Von Anfang bis Ende des Jahres garantieren wir die gleiche Qualität. Das ist kein Olivenöl, das mit der Zeit etwas säuerlich oder ranzig wird, weil wir sehr strikte Kriterien der Lagerung haben. Aber natürlich erfreut es uns immer, wenn wir einen Preis bekommen.
7) Ein Thema bei der besagten Preisverleihung war die fehlende Bekanntheit des tunesischen National-Produktes. Was fehlt Ihrer Meinung nach dem tunesischen Olivenöl um in der Welt bekannter zu sein?
Traditionell hat Tunesien Olivenöl immer im Großgebinde nach Italien und Spanien exportiert. Erst vor wenigen Jahren haben tunesische Produzenten die Mühe ergriffen, zunehmend verpacktes Olivenöl zu verkaufen. Jetzt verändert sich gerade alles.
Tunesien hat ebenso nie in ein Qualitätslabel investiert. Wenn man von tunesischen Produkten spricht, kennt man sie gar nicht oder sie sind verkannt. Sagen wir, tunesisches Olivenöl ist insofern bekannt, als dass es ein Öl von geringer Qualität ist. Warum? Zuerst einmal aus einem verordnungsrechtlichen Grund. Es gibt ein Europäisches Gesetz, welches sich «Verkehr der aktiven Veredlung » nennt und den europäischen Herstellern das Recht gibt, ein Produkt von erst einmal „schlechter Qualität“ zu importieren, es zu verbessern und zu einem europäischen Produkt zu machen.
Zudem haben wir ein Marketing-Problem, weil wir nie in Marketing investiert haben. Es gibt weiterhin nicht viele Ölmühlen, die die Idee der modernen Lagerung entwickelt haben. Doch mehr und mehr wird Olivenöl ein Lagerungsprodukt wie zum Beispiel Wein der bereits über sehr, sehr strenge Kriterien verfügt.
8) Johann Lafer, berühmter deutscher Koch in Deutschland kocht nun mit Ihrem Olivenöl. Sie haben mit dem Internetverkauf über Olivenölkontor begonnen und ihre Firma wurde vom Magazin Feinschmecker zu den TOP 250 Olivenölen gewählt. Was ist ihre Werbestrategie?
Zuerst einmal waren wir natürlich sehr geschmeichelt davon, dass Johann Lafer unser Öl verwendet. Dies war fast wie ein Preis für uns und eine Qualitätsanerkennung.
Unsere Strategie ist sehr einfach. Wir wollen einen neuen Blick auf Olivenöl werfen und dem Kunden erlauben, Olivenöl einmal anders zu sehen.
Deutschland ist Teil unserer Marktpriorität, weil Deutschland einen Markt für hohe Qualität hat. Deutschland, wie auch Frankreich und Belgien z.B. sind die wenigen Länder, die nur Olivenöl extra vierge konsumieren. Dies entspricht ebenso unseren Qualitätskriterien. Und natürlich ist der deutsche Markt wichtig in Bezug auf sein Volumen.
9) Und Bio-Produkte haben auf dem deutschen Markt eine hohe Wertschätzung…
Wir legen einen enormen Wert auf eine ökologisch-verantwortliche Ausrichtung unseres Projektes. Ich sage oft, dass Technologie und Ökologie keine Antonyme sind, ganz im Gegenteil: Ich denke, dass die Technologie dazu dient, die Umwelt zu schützen, wenn sie richtig verwendet wird. Und ich sage das nicht, weil der Begriff ökologisch-verantwortlich gerade in Mode ist, sondern weil er ein gemeinschaftliches Interesse und die Summe unserer Einzelinteressen verkörpert. Dieser Ausdruck gehört zu uns und wir haben ein großes Interesse daran, dass es ein nachhaltiger Begriff bleibt.
10) Stellen wir uns Tunesien in 10 Jahren vor. Wo befindet sich das tunesische Olivenöl?
Ich denke es gibt ein Erwachen, eine Bewusstwerdung der Wichtigkeit dieses Gutes, das wir haben, und unseres Know-Hows. Die Landwirtschaft muss sich modernisieren, ebenso die Olivenölwirtschaft. Das ist die Herausforderung und das Gebot. Wir müssen eine Qualität und einen Ertrag sichern, die uns erlauben, unsere Position als viertgrößter Produzent von Olivenöl weltweit zu halten.
11) Was ist ihr persönliches Olivenöl-Geheimnis? Haben Sie ein Lieblingsrezept?
Mein Lieblingsrezept ist die Schokoladencrème mit Arbequina-Olivenöl und einem Hauch an Himbeergeschmack. (Ist in dem Blog von Olives & Oliviers zu finden)
Traditionell hatte Olivenöl immer einen wichtigen Stellenwert in allen Familien Tunesiens, sogar meine Großmutter hat Patisserie und Kuchen mit Olivenöl gebacken. Ich habe die wirkliche Qualität von Olivenöl erst mit Olives & Oliviers wiederentdeckt. Wenn man ein gutes Olivenöl hat, braucht man nichts weiter. So habe ich gelernt, Olivenöl ohne irgendetwas anderes auf Salat oder Fisch zu schätzen.
Die Welt muss Olivenöl neu entdecken! Für ein Land wie Deutschland, welches keine Olivenöl-Tradition hat, ist es entscheidend zu zeigen, dass man mit Olivenöl sogar Kekse backen kann.
Ökologisch verantwortlich und mit großen Zielen – Olives & Oliviers
Das Unternehmen Ulysse Agro Industries hat zurzeit 1.300 Hektar Anbaufläche für Oliven, bietet saisonal etwa 300 Jobs und investiert mit einer Summe von 20 Mio. Dinar (10 Mio. Euro). Zwischen Gafsa und Sidi Bouzid wachsen seit 2007 unter idealen mikroklimatischen Bedingungen Olivenbäume. Das Olivenöl-Sortiment richtet sich nach traditionellen tunesischen, aber auch klassischen mediterranen Sorten aus und soll schon im nächsten Jahr um weitere 2 Sorten erweitert werden.
Die Marke Olives & Oliviers wird in Deutschland, Frankreich, Belgien und Tunesien verkauft und wurde schon vielfach ausgezeichnet, u.a. als „TOP 250“ beim Olio Award 2012 vom deutschen Magazin Feinschmecker, in Frankreich mit der Silbermedaille von der Gesellschaft für die Aufwertung landwirtschaftlicher Produkte (AVPA) und bei der nationalen Olivenöl-Preisverleihung in Tunesien.
Bis 2015 sollen alle Abfall- und Nebenprodukte des Olivenöls zu 100% weiterverarbeitet und recycelt werden.
Olives & Oliviers haben einen eigenen Blog mit exotischen Rezepten und spannenden News: http://www.olivesetoliviersleblog.com/
Informationen über das Unternehmen, seine Geschichte, Produktion und Herstellung finden sich auf der Website: http://www.olives-et-oliviers.com/
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